Katholische Universitätsgemeinde Basel

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Vom Heiligen Geist und anderen Geistern

von Beat Altenbach SJ (Text und Bild)

Impuls zu Pfingsten (Apg 2,1-11)

Der Heilige Geist ist wohl die Dimension an Gott, die man am schwierigsten erklären kann. Glaubt man, ihn begriffen zu haben, ist er einem bereits durch die Finger entglitten. Doch gerade darum scheint Gott für viele Menschen überhaupt nur als Geist einigermassen vorstellbar und glaubbar. Das Bild des allmächtigen und allwissenden Vaters wirkt oft eher bedrohlich als tröstlich. Und Jesus Christus ist selbst für viele Christen nicht mehr als ein menschliches Vorbild. Der Geist aber lässt sich gut in Verbindung bringen mit modernen Vorstellungen von physikalischen oder esoterischen Energiefeldern, aus denen alles hervorgeht und durch die alles miteinander verbunden ist. Aber reicht dieser Gedanke einer alldurchdringenden Energie wirklich, um unsere Sehnsucht zu stillen? Und kann er überhaupt die Existenz von so etwas wie Sehnsucht und Liebe erklären?

Der Gedanke allein, irgendwie passiv mit allem verbunden zu sein, schenkt wenig Trost. Wir erleben in uns eine Kraft, die nach mehr strebt. Wir suchen aktiv nach der Begegnung mit anderen und nach der Erfahrung von authentischer Beziehung. Es gibt da eine Energie, die den Suchenden mit der Gesuchten und die Liebende mit dem Geliebten verbindet. Es ist die gleiche Energie, die Gott nicht nur veranlasst hat, uns Menschen zu schaffen, sondern immer wieder die Beziehung mit uns zu suchen und sich uns zu offenbaren. Und diese Sehnsucht nach Beziehung, die Dynamik der Liebe, die in Gott ihren Ursprung hat, nenne ich Heiliger Geist.

In Jesus Christus hat Gottes Sehnsucht nach uns ein Gesicht bekommen. Und seit Pfingsten ist es der Heilige Geist, durch den uns Gottes Liebe berührt und der uns gleichzeitig befähigt und anfeuert, selber aufzustehen und auf andere zuzugehen. Es sind die Flammen des Geistes, welche Grenzen überwinden, Menschen miteinander sprechen lassen und immer wieder neu Beziehungen in Liebe und Respekt ermöglichen (Apg 2,3-6). Und plötzlich entstehen neue Perspektiven und Alternativen, die man nie für möglich gehalten hätte.  

Doch wie können wir sicher sein, dass alles, was da entstehen will, wirklich von Gottes Geist bewegt ist? Unsere Erfahrung zeigt oft schmerzlich, dass nicht jeder Impuls, der uns spontan antreibt und begeistert auch wirklich zum Guten führt. Hier gilt es, die Geister zu unterscheiden, wie es Ignatius von Loyola (1491-1556) in seinen Geistlichen Übungen (Exerzitien) nennt. Dabei können zwei grundsätzliche Fragen helfen:

Aus was für einer Stimmung heraus entsteht mein Impuls? Befinde ich mich in einer offenen, positiven Grundstimmung, oder hat er seinen Ursprung in einer missmutigen Trostlosigkeit? Im zweiten Fall ist immer Vorsicht geboten, denn wir sind nie so anfällig für Versuchungen böser Geister, wie wenn wir in schlechter Stimmung sind und uns bewusst oder unbewusst nach Zerstreuung oder Befriedigung sehnen.

Die zweite Frage ist die nach den Früchten. Der Heilige Geist ist wie der Wind nur da sichtbar, wo er etwas bewegt und Früchte hervorbringt. Darum ist es wichtig, sich offen und ehrlich zu fragen, was ein Impuls tatsächlich bewirkt und wohin er einem erfahrungsgemäss führen wird, wenn man sich ihm überlässt. Die wichtigsten Hinweise für eine Bewegung des guten Geistes sind dabei das Wachsen von Glaube, Hoffnung und Liebe. Aber auch die zahlreichen Früchte, die in der wunderbaren Pfingstsequenz besungen werden.

Für diese Unterscheidung der Geister brauchen wir aber gerade besonders viel Heiligen Geist: Wir brauchen ihn als Antrieb, um überhaupt zu suchen und zu fragen. Wir brauchen sein Licht, um zu unterscheiden und zu erkennen. Und wir brauchen seine Kraft, um auch wirklich das zu wählen und zu tun, was wir als gut und fruchtbar erkannt haben. Und schliesslich brauchen wir den Geist der Hoffnung, der Geduld und des Vertrauens, um das, was wir gewählt haben, auch durchzutragen gegen die Widerstände der Welt. Eigentlich brauchen wir so ziemlich für alles SEINEN Geist. Und darum ist Pfingsten auch das wichtigste Fest im Blick auf unsere Sendung, unsere Verantwortung und unser Engagement in der Welt und für die Welt von morgen.

Komm herab, o Heil'ger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.
Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not.
In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.
Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.
Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.
Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.

Pfingstsequenz (veni sancte spiritus, Original um 1200)

Petrus, liebst du mich? - Ja, schon...

von Beat Altenbach SJ (Text und Bild)

Freitag der 7. Osterwoche (Joh 21,1.15-19)

«Liebst du mich?» Ich hoffe, diese Frage hat jeder von uns schon einmal zu stellen gewagt. Es ist eine Frage, die Mut braucht, denn ein Nein würde schmerzen. Entsprechend sensibel achten wir auf die Antwort. Und ich bin überzeugt, dass alles andere als ein klares «Ja, ich liebe dich» uns aufhorchen lassen würde. Darum ist es ebenso schade wie verwunderlich, dass in den meisten Übersetzungen des heutigen Evangeliums die Antwort von Petrus an Jesus eigentlich falsch widergegeben wird. Denn Petrus verwendet ein anderes Wort. Das ist, wie wenn man uns antworten würde: «Ja, ich mag dich» oder «ich hab dich lieb», was nicht wirklich das ist, was wir hören wollen.

Im griechischen Originaltext des Neuen Testamentes werden in dem Dialog zwischen Jesus und Petrus zwei unterschiedliche Worte für lieben verwendet: agapao und phileo. Das erste meint eher die reine, bedingungslose Liebe, während der zweite Begriff eher die Freundschaft oder die Liebe zwischen Menschen bezeichnet. Der Unterschied in der Verwendung scheint aber fliessend gewesen zu sein, wodurch die Übersetzer sich offensichtlich berechtigt fühlen, die beiden Begriffe synonym zu deuten und einfach mit lieben zu übersetzen. Dabei geht aber nicht nur die wesentliche Nuance in der Antwort des Petrus verloren, sondern auch die innere Dynamik des ganzen Dialoges mit den drei vermeintlich gleichen Fragen.

Zur Verdeutlichung erlaube ich mir hier, phileo mit «Freund sein» zu übersetzen. Dadurch entsteht etwas verkürzt folgender Dialog:

Jesus: Petrus, liebst du mich mehr als diese?
Petrus: Ja, Herr, du weiss, dass ich dein Freund bin.

Jesus: Petrus, liebst du mich?
Petrus: Ja, Herr, du weisst, dass ich dein Freund bin.

Jesus: Petrus, bis du mein Freund?
Petrus: Ja, Herr, du weiss alles. Du weisst, dass ich dein Freund bin.

Auf den ersten Blick wird klar, dass Jesus hier nicht einfach dreimal die gleiche Frage stellt. Das übliche Argument, dass er dreimal fragt, um Petrus an die dreifache Verleugnung zu erinnern, wird der Dynamik des Dialoges nicht gerecht. Wenn es einen Verweis auf die schmerzhafte Erfahrung der Verleugnung gibt, dann vielleicht dieses «mehr als diese», das Petrus daran erinnern mag, dass er einmal treuer sein wollte als seine Freunde. 

Die schmerzhafte Erfahrung der Verleugnung ist es vielleicht auch, die Petrus daran hindert, einfach so «Ja, ich liebe dich» zu sagen. Sein Ja ist eher ein Jein oder ein «Ja, schon, aber…». Seine Antwort enthält einen klaren Vorbehalt, der letztlich nicht von ihm aufgehoben wird sondern von Jesus selber, der sich mit seinen Fragen schrittweise der Antwort von Petrus anpasst. Und darum wird Petrus vielleicht nicht einfach darum traurig, weil Jesus dreimal nachbohrt, sondern weil er sich bewusst wird, dass Jesus ihm entgegenkommt und beim dritten Mal so fragt, dass er auch wirklich mit Ja antworten kann. 

So gelesen, bekommt dieser Dialog zwischen Jesus und Petrus überhaupt erst seine tiefere Bedeutung: Jesus macht Petrus nicht zum Hirten seiner Schafe, weil dieser Ja sagt und schon gar nicht, weil Petrus ihn mehr liebt als die anderen. Ganz im Gegenteil, Petrus bekommt diese Verantwortung allein darum anvertraut, weil Jesus es will und ihn erwählt. Und vielleicht ist es gerade das demütige Bewusstsein um die Begrenztheit seiner eigenen Liebe, das Petrus in den Augen von Jesus überhaupt erst befähigt, zum Fels zu werden, auf dem Jesus seine Kirche aufbauen möchte.

Damit befreit Jesus auch uns ein für alle Mal von der Frage, ob wir ihn denn genug lieben würden, um uns von ihm in einen Dienst rufen zu lassen. Nicht unser eigenes Urteil über unsere Liebesfähigkeit und unseren Glauben ist entscheidend, sondern allein die Liebe Jesu zu uns und das Vertrauen, das er in uns setzt. Denn als Petrus wenig später fragt, was denn aus Johannes werde, den Jesus liebte (agapao) – und der in den Augen von Petrus doch sicher mehr liebte als er –, bekommt er zu hören: «Was geht das dich an? Du folge mir nach!» (Joh 21,22)

Gebet vom Heiligen Philipp Neri (1515 – 1595)

Ich möchte dir dienen, und ich finde den Weg nicht.
Ich möchte das gute tun, und ich finde den Weg nicht.
Ich möchte dich lieben, und ich finde den Weg nicht.
Ich kenne dich noch nicht, mein Jesus, weil ich dich nicht suche.
Ich suche dich, und ich finde dich nicht; komm zu mir, mein Jesus.
Ich werde dich niemals lieben, wenn du mir nicht hilfst, mein Jesus.
Zerschneide meine Fesseln, wenn du mich haben willst, mein Jesus.
Jesus, sei mir Jesus.