Katholische Universitätsgemeinde Basel

Schriftbetrachtung nach Ignatius von Loyola

Das Betrachten und Meditieren von biblischen Szenen aus dem Leben Jesu bildet das Kernstück der Exerzitien oder Geistlichen Übungen. Das geht zurück auf die Erfahrung des Heiligen Ignatius, der im Alter von 30 Jahren nach einer schweren Verwundung wochenlang ans Bett gefesselt war. Dabei hatte er zum Zeitvertreib nur zwei Bücher: Ein Band mit Heiligengeschichten und eine Erzählung des Lebens Jesu (Vita Christi, vermutlich von Ludolf von Sachsen). Die darin erzählten Geschichten hat er nicht nur mehrfach gelesen, sondern in stundenlangen Tagträumen mit Hilfe seiner Fantasie in seinem Kopf lebendig werden lassen. Im Sinne der Einladung Jesu "Kommt und seht" (Joh 1,39) hat er die biblischen Erzählungen auf diese Weise nicht nur "hautnah" miterlebt, sondern dadurch auch Jesus immer tiefer kennen und lieben gelernt.

Besonders geeignet für die ignatianische Schriftbetrachtung sind daher vor allem die Erzählungen aus dem Leben Jesu, also Szenen, in denen man sich ein Geschehen mit der Fantasie vorstellen kann. Predigten, Gleichnisse und Reden sprechen im Vergleich dazu eher den Verstand und das Denken an.
Aber auch Erzählungen aus dem Alten Testament, Psalmen oder einzelne Prophetenworte können sich für die ignatianische Betrachtungsweise eignen.

 

GESTALTUNG EINER SCHRIFTMEDITATION (PDF zum Herunterladen)

Mich bereiten
Ich gehe an meinen Ort und setze einen bewussten Anfang mit einer Geste (z.B. Kreuzzeichen, Verneigung, Kerze anzünden...).
Ich spreche mein Anfangsgebet, das mich auf die Begegnung mit Gott ausrichtet.
Ich nehme die Haltung ein, die mir hilft, ganz da zu sein.
Ich nehme mich wahr in meinem Leib.

Den Text lesen
Ich versuche zuerst nur, mir den Schauplatz innerlich vorzustellen und zu spüren, wo ich spontan positiv oder negativ angesprochen werde.

Bitte um das, was ich am tiefsten ersehne
Ich antworte auf die Frage Jesu „Was suchst du?“, indem ich versuche zu spüren, was hier und jetzt meine tiefste Sehnsucht ist. Was möchte ich, dass Gott tut für mich?

Betrachtung des Schrifttextes
Ich lese langsam den Text, Wort für Wort, Satz für Satz.
Ich nehme mit meiner Fantasie am Geschehen des Textes teil, lasse mich hineinziehen, schaue, höre, was die Personen tun und sagen.
Was fällt mir auf? Was spricht mich an? Was beunruhigt mich?
Wo werden mein Leben und meine Erfahrung berührt? Wo ist mein Platz in der Geschichte?
Ich bleibe bei dem, was mich innerlich bewegt, was ich empfinde.
Wenn mich nichts betrifft: aushalten, harren, hoffen...

Ins Gespräch kommen mit Jesus oder Gott
Ich versuche in aller Offenheit und Wahrheit, das auszudrücken, was in mir da ist:
dankend, lobend, bittend, fragend, klagend...

Abschluss mit Vaterunser


Zurückschauen
Nach der Gebetszeit nehme ich mir einen Moment, um zurückzuschauen. Wie habe ich diese Zeit erlebt? Welches Bild oder Wort hat mich berührt? Was hat mich beschäftigt? Welche Einsicht wurde mir geschenkt. Wie geht es mir jetzt?
Ich kann dazu auch ein paar Notizen in mein Gebetstagebuch machen.
Hier eine Anleitung mit Fragen und Tipps für die Rückschau auf eine Gebetszeit.

Nicht das Vielwissen sättigt die Seele, sondern das Verkosten der Dinge von innen her.
Ignatius von Loyola