Katholische Universitätsgemeinde Basel

Das Zurückschauen

Ein Grundelement ignatianischer Pädagogik

Ein wesentliches Element der ignatianischen Spiritualität ist das regelmässige Innehalten und Zurückschauen. Französisch sprechen wir von „Relecture“, was wörtlich Nachlese bedeutet. Ich schaue zurück auf die gemachten Erfahrungen, um darin nach den Spuren Gottes zu suchen und seine Handschrift zu erkennen. Dabei schärfe ich nicht nur meine Wahrnehmung, sondern schaffe auch die Grundlagen für die Erinnerung, eine wesentliche Dimension des geistlichen Lebens.

Der Gott des Alten und Neues Testaments ist kein Gott, der sich dem Menschen gewaltsam aufdrängt. Der Gott der Bibel zeigt und offenbart sich in der Geschichte. Damit es aber eine Erfahrung von Geschichte gibt, braucht es die Erinnerung. Ohne sie bleibt das Leben nur eine Abfolge von unterschiedlichsten Erfahrungen, die aber ohne innere Beziehung und damit ohne Sinn und Bedeutung bleiben. Ohne das erinnernde Innehalten jagen wir von einer Erfahrung zur anderen, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Und vor allem in schwierigen Zeiten vergessen wir dabei sehr schnell, was war und was uns bereits geschenkt wurde (siehe das Volk Israel in der Wüste, Ex 12-17).

Das Volk Israel hat sich gegen das Vergessen eigene Erinnerungshilfen geschaffen: Überall, wo etwas Wichtiges geschehen war, wurden Orte getauft, Stelen errichtet oder Altäre gebaut. Und Gott selber appelliert immer wieder an die Erinnerung, indem er sich als der „Gott deiner Väter“, „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ vorstellt. Und darum sind auch wir eingeladen, unser Leben als eine Geschichte mit Gott lesen und verstehen zu lernen, indem wir regelmässig innehalten, um wichtige Erfahrungen zu erkennen, festzuhalten und zu erinnern.

Dieses Wechselspiel von Erfahrung und reflektierender Rückschau bildet die Grunddynamik der ignatianischen Pädagogik. Sie lässt sich auf allen Ebenen unseres Lebens anwenden:

  • Am Ende jeder ignatianischen Gebetszeit nehme ich mir ein paar Minuten, um zurückzuschauen, wie es war und was mich beschäftigt hat. Hier eine Anleitung mit Fragen und Tipps zur Rückschau auf eine Gebetszeit.
  • Nach jeder wichtigen Begegnung kann ich kurz innehalten, um die Erfahrung nachklingen zu lassen und zu reflektieren.
  • Am Ende jeder Sitzung oder sonstigen Gruppenerfahrung schauen wir kurz zurück auf das, was war, und nehmen wahr, was jetzt ist.
  • Am Ende jedes Tages mache ich einen Tagesrückblick (Gebet der liebenden Aufmerksamkeit)
  • Am Ende von Kursen oder Exerzitien schaue ich zurück und suche nach den Früchten und Geschenken dieser Zeit.
  • Am Ende einer Woche oder eines Monats nehme ich mir eine Zeit zum Zurückschauen, zum Beispiel in Form eines Wüstentages.
  • Wer geistliche Begleitung im Alltag pflegt schaut gemeinsam mit der Begleitperson auf die Erfahrung der letzte 4-6 Wochen zurück.